Substantivitis

Die Endung -itis verheißt nichts Gutes. Sie gehört zu Wörtern, die entzündliche Krankheiten wie Bronchitis, Arthritis oder Gastritis bezeichnen. Im übertragenen Sinne — bei Wörtern, die nicht aus dem medizinischen Sprachgebrauch stammen — drückt sie aus, dass etwas im Übermaß benutzt oder praktiziert wird: Sehr bekannt ist die Telefonitis, mindestens ebenso verbreitet die Substantivitis.

Sie entsteht, wenn ein Autor möglichst viele Verben in Substantive umzuwandeln versucht. Der Lesbarkeit eines Textes dient dies nicht, wie folgendes Beispiel zeigt:

Unser Ziel ist die Sicherstellung hoher Qualitätsansprüche zu einem fairen Preis.

Gesagt wird eigentlich nur: Wir möchten Ihnen hohe Qualität zu einem fairen Preis bieten.

 

Doch Substantivierungen  verleihen einem Text, so glauben viele, mehr Gewicht und Seriosität. Schließlich sind sie doch typisch für juristische Texte und Verwaltungstexte – und diesen wird nachgesagt, besonders präzise und korrekt formuliert zu sein. Ein Text mit vielen langen Substantiven müsse also beinahe schon zwangsläufig den Leser beeindrucken. Ein fataler Fehlschluss, denn der Leser wendet sich meist gelangweilt ab. Dennoch befällt die Substantivitis sehr häufig wissenschaftliche Texte. Verloren hat sie dort nichts. Denn ein guter wissenschaftlicher Text ist gut lesbar und verständlich, während ein Übermaß an Substantivierungen jeden interessanten Gedanken zu verbergen vermag.

Deshalb empfehle ich, auf unnötige Substantive zu verzichten und stattdessen aktiv zu formulieren. Verben machen einen Text lebendig, Substantive auf -ung, -heit oder -keit nicht.

Substantivitis ist also leicht zu heilen, und der Leser wird sich freuen.