Die Inflation der Anführungszeichen

Anführungszeichen haben mehrere Funktionen, man  nutzt sie
in Zitaten,
bei wörtlicher Rede,
bei Titeln von Büchern und Ähnlichem
oder bei Aussagen oder Sprichwörtern, über die man sich äußert (Beispiel: Die Redewendung “ein Wolf im Schafspelz” stammt aus der Bibel.).

Man kann sie auch verwenden, um sich ironisch zu distanzieren. Das heißt aber nicht unbedingt, dass man das soll, und schon gar nicht sollte man dieses Stilmittel zu großzügig einsetzen. Denn erstens mindern Anführungszeichen die Lesbarkeit eines Textes, zweitens ist Ironie für den Leser in einem solchen Fall nicht immer leicht zu erkennen.

Ein Beispiel:
Stefan hat mal wieder seine “Grippe”.

Damit könnte gemeint sein, dass Stefan eine Mimose ist und seine Grippe nur ein winziger Schnupfen. Oder dass er gar keine Grippe hat und sich einfach nur einen faulen Lenz macht … Wenn sich der Autor also schon über den armen Stefan lustig macht, sollte er auch dazu stehen und nicht nur feige ein paar Anführungszeichen setzen. Hier ist dann Kreativität  gefragt. Warum also nicht dem wehleidigen Stefan eine waschechte Männergrippe andichten? Vorausgesetzt, es passt zur Textsorte, zum Medium und die Zielgruppe kennt diesen Wortgebrauch. Aber hier geht es ja nur um das Prinzip: Anführungszeichen sind selten die allerbeste Lösung.

In letzter Zeit scheinen die Gänsefüßchen eine dritte Funktion dazugewonnen zu haben: Immer mehr Autoren setzen sie, wenn sie etwas nicht ganz treffend formulieren können und stattdessen ein Wort wählen, dass zwar nicht hundertprozentig passt, aber das Gemeinte irgendwie verständlich macht.

Ein Beispiel:

Ein Autor schreibt: Der Manager versuchte, seine Entscheidung zu “verteidigen”. Was er meint ist: seine Entscheidung zu rechtfertigen.

Die Anführungszeichen weisen die Leser also auf das sprachliche Unvermögen des Autors hin und bitten sie um Nachsicht, damit sie nicht alles ganz wörtlich nehmen  … Es versteht sich eigentlich von selbst, dass man Derartiges nicht in seinen Texten haben will. Doch immerhin haben die Anführungszeichen hier noch eine Funktion, wenn auch eine fragwürdige.

Immer öfter findet man aber auch vollkommen sinnlose Anführungszeichen. Was will uns zum Beispiel ein Restaurantbesitzer sagen, wenn er auf seiner Speisekarte “Spätzle” anbietet? Oder ein Kindergarten, der zum “Frühlingsfest” einlädt? Fast schon legendär ist das Beispiel der Bank, die damit warb, dass bei ihr das Geld “sicher” sei.

Wenn es um Anführungszeichen geht, sollte man sich beim Schreiben einfach folgende Fragen stellen:

  1. Ist das wörtliche Rede, ein direktes Zitat oder ein Titel? Dann ist alles in Ordnung.
  2. Will ich damit Ironie ausdrücken und ist das wirklich die beste Methode, um dies zu tun? Okay …
  3. Setze ich Anführungszeichen, weil mir kein besseres Wort einfällt? Lieber genauer schreiben, was gemeint ist.
  4. Haben die Anführungszeichen gar keine Funktion? Weg damit.