Die unerwartete Rückkehr des Genitivs

„Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ – so lautet der Titel der bekannten Buchreihe von Bastian Sick. Doch Totgesagte leben länger: So feiert der Genitiv in letzter Zeit ein überraschendes und leider wenig erfreuliches Comeback — und zwar als falscher Stellvertreter für Präpositionen. Immer öfter liest man Sätze wie diese:

  • Die Bereitschaft der Arbeit ist gestiegen.
  • Die Verantwortung der Vereinskasse übernahm der Vorstand.
  • Die Abhängigkeit des Smartphones nimmt immer weiter zu.

Was alle diese Sätze gemeinsam haben: Sie sind fehlerhaft, weil eine Präposition fehlt. Es muss heißen:

  • die Bereitschaft zur Arbeit
  • die Verantwortung für die Vereinskasse
  • die Abhängigkeit vom Smartphone

Die Abhängigkeit des Smartphones würde bedeuten: Das Smartphone ist von irgendetwas abhängig. Das bleibt ihm zum Glück erspart. Denn gemeint ist, dass z. B. Jugendliche vom Smartphone abhängig sind.

Das vom kann hier natürlich nicht weggelassen werden, denn das Adjektiv abhängig  ist mit der Präposition von verknüpft. Und wenn aus dem Adjektiv abhängig das Substantiv Abhängigkeit wird, kommt die Präposition einfach mit.

Dass der Genitiv immer öfter Präpositionen verdrängt, hat meiner Meinung nach zwei  Gründe:

  • Erstens fühlen sich viele bei Präpositionen unsicher. Das führt zum Beispiel dazu, dass diese oft von Wendungen aus dem Amtsdeutschen wie in Bezug auf ersetzt werden. So liest man öfter unschöne Formulierungen wie die Abhängigkeit in Bezug auf Smartphones – wie viel kürzer und eleganter wäre doch das kleine Wörtchen von!
  • Zweitens existiert die Fehlannahme, dass der Genitiv in jedem Fall korrekt, außerdem elegant und ein Zeichen guten Stils ist. Das ist er aber leider nicht – denn auch der Genitiv will wohldosiert eingesetzt werden.